Natur als Schicksal und Ausweg

Der Künstler Julius Wimmer ist über die Jahre hinweg seinen Leitideen treu geblieben. In der Rückschau erscheint sein Oeuvre als ein insgesamt schlüssiges »Gesamtkunstwerk« bestehend aus den Facetten Zeichnungen, Holzplastiken, Stahlarbeiten und einer ausgeprägten Ideenwelt, die einerseits durch mythologische Quellen gespeist wird, andererseits aber auch künstlerisch-technologische Problemlösungen und formalästhetische Ansprüche formuliert. Nicht umsonst spiegelt die oben vorangestellte Aussage von Julius Wimmer den Nährboden, aus dem das Lebenswerk des Künstlers entstanden ist. Die enge Verzahnung von Kunst und Leben und die stetige Reflexion des eigenen Schaffensprozesses verleihen seinen Arbeiten einen Grad von mythologischer Gewissheit, der uns als Betrachter vereinnahmt und irritiert.
 
Die retrospektive Schau seiner Werke verdeutlicht Wimmers vielfältiges Bemühen, seine Ideen umzusetzen, seinen ständigen Kampf um die Form, das Herausarbeiten der Ideen aus dem Material, die Veranschaulichung der Materialität der Werkstoffe selbst. Die Betonung der Eigenarten des Materials ist Bestandteil des künstlerischen Schaffensprozesses von Julius Wimmer, einem Arbeiter der Kunst, dessen Entwicklung besonders in der Rückschau sichtbar wird. Ganz bewusst werden innerhalb des Vorwortes zwei Abbildungen gezeigt, die als Frühwerke sein dama­liges Talent erahnen ließen. Ein angeschliffener Schraubenzieher dient als Werkzeug für die erste Buchenholzplastik, seinen »Indianer« von 1947, und auch der 1955 entstandene meditierende oder betende Jüngling, der mit seiner idealisierend abstrahierten Körperlichkeit erlöst aus dem Holzblock zu entschweben scheint, zeugen vom frühen Kunstwollen eines »gestaltenden Arbeiters«. Mit dieser sanften Replik auf den berühmten Gedichttitel von Bert Brecht »Fragen eines lesenden Arbeiters« soll verdeutlicht werden, dass Julius Wimmer sein ganzes Leben in der Fabrik gearbeitet hat; er ist also kein »Salonkünstler«, kein akademischer Freigeist, der sich ausschließlich seinen künstlerischen Problemen und Neigungen hingeben konnte. Das wird allzu häufig übersehen und nicht ausreichend gewürdigt. Sein Kunstschaffen ist gleichsam der Apfel der Erkenntnis geworden, mit dem er sich Lebenswirklichkeit und Kunst erschlossen hat, und aus dieser Erkenntnis wächst ihm die Kraft, Künstler und Arbeiter zu vereinen. Seine eigentliche Ausstellungstätigkeit beginnt denn auch erst zögernd ab 1968 mit einer Einzelausstellung und Beteiligungen an ersten Gruppenausstellungen. So ist im Laufe der Zeit die allenthalben spürbare Naivität der frühen Werke der durchdachten Reife eines erwachsen gewordenen Künstlers ge­wichen, der seinen Platz in der hiesigen Kunstszene gefunden hat.
 
 
 
 
 
 
>>Die Natur zeigt uns, schaut man einmal genauer hin, auf wunderbarer Weise, wie sie aus dem scheinbaren Chaos Ordnung schafft und die interessantesten Formen und Konstruktionen her- vorbringt. Insbesondere der Künstler kann ständig von ihr lernen. Für mich ist die Natur ein Lehrmeister, ein permanenter Anreger und Impulsgeber. <<
 
(Julius Wimmer, 2004)