Material

Eine besondere Rolle spielt im Werkzusammenhang die vom Künstler geschaffenen Stelen; weiß gestrichene Monumente, in die Holz und Eisenplastiken integriert worden sind. Die Stelen bringen eine andere »Tonlage« in die Kunst; die hoch aufstrebenden Grundformen betonen das Zeichenhafte, Hinweisende; eine gebieterische, strenge, bestimmende Wirkung verbreitet eher Respekt und Andacht, sind doch Gedenken und Mahnung traditionelle Aufgaben dieses kultischen Mals. Die Wucht des Bedeutungsvollen trifft den Betrachter hier anders als bei seinen übrigen Arbeiten. Die Stelen bauen eine Hierarchie auf - nicht nur innerhalb ihrer Formelemente, sondern auch bezüglich des Verhältnisses Kunstwerk und Betrachter; zudem gibt es eine inhaltliche Struktur mit dem Ziel der »Belehrung«, es wird etwas erzählt, etwas verdeutlicht. Beispielhaft wird dies an der ADAM EVA Stele, sie wird selbst zum Erkenntnisbaum, der Ursachen aufzeigen will, der den Betrachter direkt ansprechen will. Adam und Eva, Mann und Frau, stehen nebeneinander, sie schauen sich nicht an, sie schauen auf den Betrachter, sie beziehen ihn ein und ver­weisen auf seine »Mittäterschaft«, auf seine »Betroffenheit«. Darunter sieht man den Apfel, dann den »Verführer«, die Schlange, schließlich der Baum der Erkenntnis: Opfer und Täter in einem Bild, Verführer und Verführte, Ursache und Wirkung? Oder ist vielleicht alles ganz anders? Wir sehen Komplizen in einem »deal«: »Ihr werdet sein wie Gott!« Diese Anmaßung, dieser Anspruch auf Herrschaft, Adam und Eva an oberster Stelle, aber nebeneinander, aber isoliert voneinander. Der Künstler arbeitet mit einer Fülle von Gegensätzen: sachliche, geometrische Strenge im oberen Bereich, dagegen verspielte, eher verschlungene, fabulierende Formen unten; rechteckige gegen runde Formen, natur be­lassenes Holz gegenüber bemaltem Holz, unterschiedliche Materialeigenschaften: hart - weich, dunkel - hell, es ergeben sich Licht- und Schatten­wirkungen: die Ebene des Bewusstseins, des Rationalen oben und darunter die Ebene des Unbewussten? Die Gottgleichen sind einsam als »Herrscher«, die Zeit ihrer Fruchtbarkeit müssen sie nutzen, um sich zu vermehren, um ihrer Herrschaft Dauer zu verleihen - sonst wäre alles umsonst gewesen mit dem Apfel der Erkenntnis. Und sie scheinen zu wissen, dass es die Erkenntnis nicht zum »Nulltarif« gegeben hat; ihr Verhältnis zum Natürlichen ist gestört, sie entdecken ihre Nacktheit, empfinden Scham. Ihr Verhältnis zueinander ist gestört, also stehen sie folgerichtig nebeneinander, voneinander abgeschüttet und - sie schauen auf uns als Mitbetroffene. Wo ist ihre, wo ist unsere paradiesische Unbefangenheit geblieben?
 
Auch die Tierdarstellungen sind Studien zum Wesen des Kreatürlichen; in vielen Tierdarstellungen thematisiert Julius Wimmer nicht nur die leidende, vom Menschen unterdrückte Natur, sondern einen eigenen, unberührten, naiven Kosmos von Kreatürlichkeit: ein »stürzendes« Pferd wird so zu einem ästhetischen, sinnlich positiven Erlebnis. Im Vergleich dazu wirkt der Mensch hingegen bemitleidenswert, kann er doch nicht mit einer ebenbürtigen, gleichen Natürlichkeit und Würde seine Kreatürlichkeit ausleben. Er scheitert an der Zwiespältigkeit seines Wesens, ihm gelingt es nicht, Verstand und Natur in überzeugender Weise zu einem harmonischen Miteinander zu vereinen. So sehr dieser ureigene Wesenszug des Menschen in seinem Ursprung und in seinen Auswirkungen geheimnisvoll und unerforschbar bleiben wird, so scheint doch andererseits die Kunst Möglichkeiten zu eröffnen, solche Erfahrungen sichtbar zu machen. Daher überrascht es nicht, dass Julius Wimmer auch das Motiv der Tier- und Vogelmasken aufgreift, symbolisiert sich doch darin die Sehnsucht, die Gemeinschaft mit den Tieren wiederherzustellen, die Sehnsucht nach einem paradiesischen Urzustand, wo der Mensch auch noch die Möglichkeit hatte, von der instinktiven Weisheit der Tiere zu lernen. So zeigt sich im Schaffen des Urdenbacher Künstlers Julius Wimmer auch eine grundlegende Dimension von Kunst, die auf ihre mythologischen Wurzeln verweist und die Pablo Picasso einmal mit folgender Sentenz kommentiert hat: »Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet«.
 
 
 
   
  Adam Eva Stele