Die Schaffenswelt des Bildhauers . . .

Julius Wimmer lebt von einer tief gestaffelten Symbolwelt, die Lebenswirklichkeit und Werk umgreift. Sie wird gespeist durch den klassischen Bildungskanon der griechischen Mythologie, dem Christentum und dem Glauben an der Kreatürlichkeit des Menschen, dem seine Einordnung in die natürliche Schöpfung ständig bewusst gemacht werden muss. Dies kann einerseits zu einer Idealisierung führen, die man als Betrachter ja nicht unbedingt teilen muss, und gleichzeitig zu einem Leiden an dem Widersprüchen, die man als Betrachter aber durchaus nachvollziehen kann, denn die Lebenswirklichkeit bzw. der Mensch hat sich längst von diesen Idealen, diesen Wurzeln europäischer Zivilisation entfernt. Und so stellt Julius Wimmer vor der Folie seiner idealisierten Vorstellungswelt die Zerbrechlichkeit, das Scheitern, die Tragik unserer Existenz dar; und zwar immer als ein Einzelschicksal, als Individuum; die Figuren befinden sich in Zwangslagen, sind einsam, Einzelkämpfer, Opfer; auch mit seinen Werktiteln begleitet der Künstler diese Sichtweise: »Einschnürung«, »Der Mann im Block«, »In der Zwangs­jacke«, »Die Last des Kreuzes«, »Klagemauer« u. a. Uns als Betrachter sind diese Situationen aus der heutigen Lebenswelt nur allzu geläufig, die Medien stellen sie uns tagtäglich in unseren Nachrichten aus dem »globalen Dorf« vor die Kamera.
 
Doch bleiben wir bei den Symbolen, die in ihrer Ambivalenz die Widersprüchlichkeit und Zwiespältigkeit unserer Wirklichkeit spiegeln, z. B. die Maske - Schutz und Versteckspiel; sie kann vereinheitlichen oder auch identifizieren, typisieren, charakterisieren. Oder der Kopf - klassisch als Sitz der Lebenskraft und der Seele, er kann Weisheit und Geist bedeuten, aber auch Herrschaft und Beherrschung, er ist Sitz der Intelligenz, aber auch Sitz der Torheit; zwar können Krone und Siegerkranz ihn schmücken, doch Narrenkappe und Asche geben diesem Symbol wieder eine Wendung. Und schließlich das komplexe, immer wiederkehrende Ikarus-Motiv: Ikarus als Sinnbild für die maßlosen Ansprüche des Menschen, für seine Unvernunft, für seinen Leicht­sinn; wir spüren zwar auch, dass der in dieser Figur verkörperte Freiheitsdrang, das Ausloten von Grenzen, auch etwas mit unseren Sehnsüchten zu tun hat, empfinden das gar als positiv, doch der Künstler führt uns die Ambivalenz dieses Traumes mit der Tragik einer Figur vor Augen, die unsere begründete, furchtsam werdende Erkenntnis schürt, dass Positives in Negatives schlagartig umkippen kann. Julius Wimmer hat dabei ein klares Ziel vor Augen: »Wenn ich mir Themen aus der griechischen Mythologie vornehme, denke ich nicht daran, sie zu illustrieren. Ich spüre vielmehr das Menschliche und Psychische, das die Griechen ihren Göttern auferlegt haben. Die Ikarus-Figur wird zum Medium, die menschliche Natur zu entdecken.