Die »Kreatürlichkeit« . . .

des Menschen und deren mythologische und religiöse Einbettung ist ein weiteres zentrales Thema des Künstlers. Dies ist geradezu zu einem Credo seines Lebenswerkes geworden, er will » den Menschen in seiner schicksalhaften Kreatürlichkeit, seiner Konfliktträchtigkeit und in seinem existentiellen Ausgeliefertsein durch sich selbst künstlerisch darstellen«. Es ist ein eigentlich zutiefst christliches Thema: das Leiden des Menschen am Sündenfall! Die verbotene Frucht der Erkenntnis stört unser Verhältnis zum Kreatürlichen und Natürlichen in uns, an uns (Adam und Eva erkennen ihre Nacktheit und schämen sich daraufhin!); unser Verhältnis zu den Geschöpfen dieser Welt, zur Schöpfung insgesamt ist gestört. Die daraus resultierenden globalen, katastrophalen und tragischen Auswirkungen gehören zur täglichen Informationsflut der Medien. So führt uns Julius Wimmer in seinen Werken Geschöpfe vor, deren Verletzbarkeit und Verletztheit sichtbar wird; eine scheiternde, leidende Kreatur in auswegloser, tragischer Situation. Mensch und Tier, als Geschöpfe Gottes, scheinen ihrer Natürlichkeit beraubt, scheinen nicht ihrer Natur gemäß leben zu können. Menschliches Dasein erweist sich als eine selbstverschuldete Sackgasse, in die sich der Mensch als denkende und als der Natur scheinbar überlegene »Krone der Schöpfung« hineinmanövriert hat.
 
Die von ihm ersonnene Technik (vgl. die Flügel des Ikarus) entlarvt sich dabei als Illusion von Überlegenheit, sie ist kein Hilfsmittel, sie entwickelt sich zum Leidens-kreuz für die Kreatürlichkeit des Menschen. Wir unterwerfen uns der Technik, wir passen uns ihr an, wir sind ihr ausgeliefert. Wimmer thematisiert die Motive des Ausgeliefertseins, der Ausgesetztheit, der Schutzlosigkeit von Mensch und Tier. Auf der Strecke bleibt also gerade dasjenige, was uns Menschen mit den Tieren verbindet: Kreatürlichkeit und Natürlichkeit. So überzeugt in Wimmers Werk das so zentrale Ikarus-Motiv als ein klares und einsichtiges Symbol, welches uns das Fragmentarische und Zwiespältige der menschlichen Existenz vor Augen führt. Der gescheiterte Traum vom Fliegen, der gescheiterte Versuch mit Hilfe von Verstand, Planung und Technik über die menschliche Natur hinauszuwachsen sind geradezu typische Indikatoren von Selbstüberschätzung, die im pathologischen Endstadium - betrachtet man einmal den Lauf der Geschichte - letztlich immer als Größenwahn endet. Der Mythos entlarvt dabei so nebenbei noch unsere mangelnde Originalität, letztlich sind wir abhängig von der Natur als Vorbild, wir ahmen sie nur nach. Die schicksalhafte Dialektik der Ikarus-Figur verdeutlicht, dass reine Nachahmung kein Ausweg für uns sein kann.
 
Insgesamt bleibt Julius Wimmer unpolitisch, seine Werke sind frei von polemischer Agitation, von politischen Parolen; aber der Künstler ist nicht unkritisch, der Mensch in seiner Zwickmühle, mit seinen Missgeschicken wird mit psychologischem Einfühlungsvermögen analysiert. Seine Plastiken und Zeichnungen legen die Befindlichkeit seiner »Patienten« offen, machen sichtbar, was von uns im Allgemeinen verdrängt wird, was möglicherweise unbewusst bleibt. Das ist ja nicht immer angenehm, was es dann zu entdecken gibt, aber Julius Wimmer zeigt auch formalästhetisch, dass politische Agitation nicht seine Sache ist, sein mitfühlendes Leiden nimmt bei der Bearbeitung des Eisens dem Material das Kurde: Oberflächen werden glatt, Konturen rund. Auch die Holzarbeiten animieren dazu, sie anzufassen; es entsteht so eine Vertrautheit mit den Werken auch über den Tastsinn, also über das Material, und letztlich damit auch über die Form. Damit wird die Aufmerksamkeit des Betrachters weni­ger auf den Aspekt der Anklage und Kritik gerichtet als vielmehr auf ein tief mitmenschlichen Aspekt: «misericordia«! Wir lassen uns leiten von Barm­herzigkeit und Mitleid, weil wir Aspekte unserer eigenen Existenz entdecken. Die Werke des Künstlers werden zu Äpfeln der Erkenntnis verschüt­teter oder verdrängter menschlicher Fehlhaltungen und sie vereinen die Unbefangenheit seiner intuitiven Einsichten mit einer gereiften künstlerischen Formsuche am Material.